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Alkoholkonsum

Wann wird aus Genuss Sucht? Ein Besuch bei den Anonymen Alkoholikern

Jeden Tag ein Meeting: Kein Problem für die Anonymen Alkoholiker in Augsburg.
Bild: Linda Maria Filser, VMM
Jeden Tag ein Meeting: Kein Problem für die Anonymen Alkoholiker in Augsburg.

Kein Bier vor vier oder nur ein Schwein trinkt allein: Kluge Sprüche zum Thema Alkohol gibt es genug. Gerade während Corona sind die Grenzen zwischen Genuss und Sucht aber verschwommen. Doch wohin, wenn's ohne nicht mehr geht? Bei den Anonymen Alkoholikern in Augsburg ist willkommen, wer den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören.

Linda Maria Filser

Der liebe Alkohol. Er ist seit Jahrhunderten in unserer Kultur verankert und wird seit jeher für seine berauschende Wirkung gefeiert. Bereits Jesus machte aus Wasser Wein, Schiller lobte „Bacchus‘ Gabe“ als „Balsam fürs zerrißne Herz“ und auch die Queen möchte auf ihren Gin nicht verzichten. Zwischen dem Feierabend Bier und Corona-Quarantäne frägt man sich in letzter Zeit dann immer mal wieder: Ist das eigentlich noch Genuss? Wie viel Alkohol ist (noch) gesund? Sollte man wenigstens in der Fastenzeit darauf verzichten oder hin und wieder gar einen alkoholfreien Monat einlegen?

„Die Grenze, wann aus dem Genuss am Alkohol eine Sucht wird, ist fließend“, weiß Susanne, ein Mitglied des Anonyme Alkoholiker e.V.. „Ein Indiz für die mögliche Sucht war in meinem Fall aber tatsächlich die Menge. Etwa 80 Prozent der Menschen können ein Glas Wein zum Abendessen trinken. Personen, die wie ich sind, gelustet es aber nach der ganzen Flasche.“

Doch wie erkennt man in einer solchen Situation selbst, dass das kein Genuss mehr ist? „Ich wies mich in den 80ern selbst ins damalige Zentralkrankenhaus ein – zur Entgiftung, freiwillig und aus eigenen Stücken. Danach habe ich dann mein erstes Treffen der Anonymen Alkoholiker in Augsburg besucht. Ohne diese Gemeinschaft würde ich heute nicht mehr leben“, erzählt Werner, ebenfalls Mitglied der Anonymen Alkoholiker. Er war ein so genannter Spiegeltrinker, hielt also immer seinen Pegel. „Ja, ohne die AAs würde es viele von uns nicht mehr geben“, pflichtet Susanne bei.

"Wen du hier hörst, wen du hier siehst, wenn du gehst, lass es bitte hier."
Bild: Linda Maria Filser, VMM
"Wen du hier hörst, wen du hier siehst, wenn du gehst, lass es bitte hier."

„Deswegen hat auch jeder von uns einen AA-Geburtstag. Das ist der erste Tag im trockenen Leben.“ Bei Susanne liegt das acht Jahre zurück. Als Quartalstrinkerin trank sie nicht jeden Tag, ihre Alkoholsucht fiel ihrem Umfeld nicht unbedingt auf. Anders war das bei Werner: „Wenn ich durch die Stadt lief, fühlte ich mich toll, dachte niemand würde meinen Zustand erkennen. Als ich trocken wurde, freute sich die Nachbarin dann, wie gut ich wieder aussähe. Da wurde mir klar: Das hat jeder gemerkt.“

Warum die Anonymen Alkoholiker?

Hilfsangebote für Alkoholsüchtige gibt es eine Menge – von sozialen Einrichtungen bis hin zu Rehabilitationszentren für Selbstzahler. Die Rückfallquote für Abhängige liegt jedoch zwischen 70-90 Prozent - eine ernüchternde Zahl. Studien zeigen aber: Wer bei den Anonymen Alkoholikern trocken wurde, hat bessere Chancen abstinent zu bleiben. „Das liegt an unserer Gemeinschaft: Wir sind wie eine Familie, wir sind füreinander da“, ist Werner überzeugt. Dazu muss man wissen: Die Anonymen Alkoholiker sind weit mehr als ein formloses Treffen Gleichgesinnter. Gegründet wurde die Selbsthilfegruppe bereits 1935 in den USA. Grundgedanke der Initiatoren war schon damals, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die der oder die Einzelne nicht aus eigener Kraft, sondern nur mithilfe anderer Alkoholiker, überwinden kann. „Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen“, so heißt es in der Präambel der Anonymen Alkoholiker. Heute zählt die Gemeinschaft über zwei Millionen Mitglieder in zirka 170 Ländern.

Allein in Augsburg und Umgebung gibt es 28 Gruppen, die sich regelmäßig treffen. „Es ist wichtig, immer zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker gehen zu können. Seit dreißig Jahren bin ich nun bei den Anonymen Alkoholikern in Augsburg – seitdem gehe ich jede Woche zu einem Meeting. Sogar im Urlaub ist das kein Problem: Als AA kann ich in Treffen auf der ganzen Welt gehen“, betont Werner. Seit der Pandemie ist die Verfügbarkeit von Meetings sogar noch größer geworden. Via Zoom kann man quasi zu jeder Tag- und Nachtzeit an einem der Treffen teilnehmen.

Wie sieht ein Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker aus?

Als Hilfestellung für den Weg in die Trockenheit gibt es bei den Anonymen Alkoholiker zwölf Schritte. „Die sind aber nicht verpflichtend: Es sind Empfehlungen, um das eigene Leben wieder auf Reihe zu bekommen“, betont Susanne.

Der Gruppenraum der Augsburger Anonymen Alkoholiker in der Hirblingerstraße.
Der Gruppenraum der Augsburger Anonymen Alkoholiker in der Hirblingerstraße.

„Es gibt nur eine Voraussetzung, um an unseren Meetings teilzunehmen: Der Wunsch trocken zu sein“, erklärt mir Werner. Alles andere – Religion, politische Meinungen oder die soziale Stellung – das spielt keine Rolle. Denn auch das heißt anonym: „[Die Anonymität] hält die Gemeinschaft dazu an, sich eher von Prinzipien als von Personen leiten zu lassen. Wir sind eine Gemeinschaft von Gleichen“, heißt es im Flyer „AA auf einen Blick“. „Wenn man über die Schwelle des Gruppenraums geht, lässt man alles andere vor der Tür: Nicht einmal Nachnamen sind bei uns von der Bedeutung“, betont Susanne. „Beendet wird das Meeting dann mit unserem Gelassenheitsspruch: Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Spätestens hier wird dann auch die Spiritualität deutlich: Gott findet sich immer wieder in der Literatur der Anonymen Alkoholiker wieder. „Wenn man dem Alkohol abschwört, muss man sich einer anderen Macht widmen: Im Amerika der 30er Jahre war das der christliche Gott“, erläutert Susanne. „Wir interpretieren das heute aber eben als höhere Macht: Etwas, das einen begleitet, einem den Weg weist. Den Weg in ein trockenes Leben.“